Seit einigen Tagen ist die Bahn wieder ganz groß in den Medien. Nicht nur wegen der Warnstreiks (ja, die gabs auch mal wieder), sondern weil sie zur Stasi mutiert ist und ihre Mitarbeiter ausspioniert. So steht es jedenfalls allenthalben geschrieben. In allen Zeitungen und deren Onlineablegern bekommt man Begriffe wie Spitzel-Affäre, Spähaktion, Spionage, Rasterfahndung und so weiter um die Ohren gehauen. Nur dass dabei kein Bericht über CIA, BND oder den Mossad folgt, sondern ein Artikel über die Bahn. Die Deutsche Bahn. Die mit den Zügen, nicht mit 007 und Maschinengewehren.
Nach diesen ganzen bösen Schlagworten, wollte ich mal wissen, was denn nun genauer dahinter steckt. Doch da geht es schon los. Es wird zwar überall gegen die Bahn gewettert und gebetsmühlenartig erzählt wie böse sie ist, aber was hinter dieser “Affäre” steckt, ist nicht so einfach herauszufinden.
Hat Hr. Mehdorn Privatdetektive auf alle seine Mitarbeiter angesetzt? Waren in allen Räumen Mikrofone aufgestellt um mitzuhören was die Mitarbeiter so reden? Hat man die Kontobewegungen der Mitarbeiter gecheckt? Ihre Telefonate? Ihren Briefverkehr? Ihre Emails? Ihr Surfverhalten? … Ich musste eine stattliche Anzahl an Suchen durchführen um wenigstens einigermaßen dahinterzukommen was sich denn eigentlich hinter den großen Schlagworten versteckt.
Doch letztendlich zeichnet sich mir folgendes Bild: Die Bahn hat natürlich eine Liste mit Namen und Anschriften ihrer Mitarbeiter. Zusätzlich hat sie eine zweite Liste mit den Daten ihrer Lieferanten. Beides Recht sinnvoll, wenn man seinem Mitarbeiter das Geld für getane Arbeit, oder dem Lieferanten das Geld für eine Leistung überweisen soll. Soviel zur Datenlage in der Ausgangssituation.
Hierzu kommt dann das Thema Korruptionsbekämpfung. Was ist darunter zu verstehen? Ich kenne die Arbeitsverträge der Bahn nicht, aber es ist im Allgemeinen nicht gerne gesehen, wenn ein Mitarbeiter eines Unternehmens gleichzeitig bei einem Lieferanten angestellt ist. Oder es ist gar strikt verboten, weil mit großer Wahrscheinlichkeit Interessenkonflikte vorliegen. Beispiel gefällig?
Angenommen ich verkaufe Eisenbahnschienen. Diese will ich natürlich möglich teuer loswerden. Wenn ich aber gleichzeitig derjenige bin, der die Eisenbahnschienen für die Bahn einkaufen soll, sollte es eigentlich mein Interesse sein, die Dinger möglichst billig zu kaufen. Jetzt ist die Frage, bringt es mir persönlich mehr teuer für den Lieferant zu verkaufen, oder billig für die Bahn einzukaufen. Man sieht wo das hinführt …
Es ist also in meinen Augen ein berechtigtes Interesse der Bahn solche Fälle herausfinden zu wollen, denn sowas kann recht schnell sehr teuer werden.
Im Rahmen der Korruptionsbekämpfung wurde nun irgendein Bahnangestellter damit beauftragt, einfach mal zu vergleichen, ob sich in der Liste der Lieferanten auch Leute befinden, die gleichzeitig Angestellte der Bahn sind. Und schwups: Willkommen bei der Bahn-Affäre. Spitzelei, Spionage und Rasterfahndung inklusive. Wahrscheinlich war es irgendein Praktikant, denn ein Spion muss man dafür wahrlich nicht sein, der einen großen Konzern in die Krise gestürzt hat.
Es wird von Generalverdacht gesprochen. Die böse Bahn vertraut ihren Mitarbeitern nicht. Blabla. Dann möchte ich mal einen konstruktiven Vorschlag hören, wie man solche Fälle sonst aufdecken soll. Wenn man wissen will, ob jemand aus Liste 2 auch in Liste 1 drinsteht, muss eben die komplette Liste 1 anschauen –> Tada, Generalverdacht. Gut, dann lassen wir das mit den Listen und prüfen gar nicht mehr. Scheiss auf Korruption, klappt in Absurdistan ja auch (ich möchte hier keinem Land Korruption unterstellen
). Aber was ist wenn einem Sachbearbeiter zufällig auffällt, dass er den Lieferantennamen “Dünnschiss” schonmal auf einem Bürotürschild im Stockwerk obendrüber gelesen hat, einfach weil der Name so doof ist? Ja, in diesem Fall hat er natürlich einen konkreten Verdacht. Aber auch nur, weil er vorher alle doofen Namen scheinbar unter Generalverdacht gestellt hat. Sonst wär ihm das ja nie aufgefallen.
Ich möchte hier das Thema Datenschutz nicht unwichtig erscheinen lassen, aber momentan schießt das alles über das Ziel hinaus. Man kann sich natürlich darüber unterhalten, ob die Bahn ein solches Vorgehen hätte etwas transpartenter kommunizieren müssen. Aber aus so einer simplen Geschichte eine Staatsaffäre zu machen, in die sich gleich wieder alle möglichen Politik einmischen, die gerade sonst nix zu tun haben, kotzt mich an. Dann kommt noch dazu, dass viele auf diesen Zug aufspringen und nur die bösen Worte Generalverdacht, Spitzel-Affäre, Spionage, etc. widerkäuen und gegen die Bahn wettern, ohne zu wissen, was wirklich dahinter steckt. Und zu meinem Erstaunen war die Bildzeitung diesmal nicht das schlimmste Blatt.
Ach ja, und Mehdorn hätte man meinentwegen für einiges Absetzen können, aber dafür? Lächerlich.